Machine Signs by Ecke Bonk
Update: 27th April 2006. Brand Eins 10/2000 Brand Eins (Auszug aus dem Artikel und Interview.) Der Typosoph: Der Mensch lebt seit Jahrtausenden in einem Spannungsfeld von Ordnung, Unordnung, Aufbau und Zerstoerung. Das Einzige, was ihm hilft, den Ueberblick zu behalten und nicht im Chaos unterzugehen, ist die Sprache, glaubt Ecke Bonk. Die Welt ist alles, was erzaehlt wird. Noch immer leben wir Menschen so, als ob die Realitaet eine Ansammlung materieller Dinge sei, bestehend aus Objekten, die unserem Gutduenken ausgeliefert sind. Wir pluendern natuerliche Ressourcen, formen uns Wagenburgen zivilisatorischen Lebensraums. Dabei wissen wir es besser, seit der Physiker Werner Heisenberg das Prinzip der Unschaerfe als naturwissenschaftliche Erkenntnis Anfang des 20. Jahrhunderts formulierte: Danach ist der Akt des Beobachtens der Natur zugleich ein Eingriff in die aeussere Wirklichkeit. Damit warf Heisenberg die bis dahin gueltige Vorstellung ueber den Haufen, wir koennten der Natur objektive Geheimnisse entreissen. Denn das, was wir als koerperliche Welt der Dinge und Substanzen ausmachen, sind nichts anderes als Energiemuster. Feste Gestalt zu erkennen ist ein Decodierungsfehler unseres Bewusstseins. Die Wirklichkeit ist ein Gebilde fortwaehrender Bewegung. Die Dinge existieren nicht unabhaengig von der Zeit, sondern ueberhaupt erst durch die Zeit. Jeder Zeitpunkt birgt dabei Ueberraschungen, mithin eine Vielzahl von Seinsmoeglichkeiten; zu jedem Zeitpunkt erschafft sich die Welt von neuem. Und erzaehlt uns zugleich davon. Diesen Erzaehlvorgang erleben wir als Bewusstsein. Jahrzehnte vor der Entdeckung der Quantenphysik beschrieb der Philosoph Friedrich Nietzsche das menschliche Bewusstsein auf verblueffend aktuelle Weise. Unsere Weltwahrnehmung ist Kommunikation. Wir leben in einem Geflecht von Mitteilungen. Dieses Geflecht ist das Bewusstsein. Nietzsche: "Bewusstsein ist eigentlich nur ein Verbindungsnetz zwischen Mensch und Mensch", die Sprache "Mitteilungszeichen". In diesem Universum der Symbole gilt alles als Mitteilung: der Blick, die Gebaerde, das Wort, die designten Formen. Dort, wo Sprache und Zeichen enden, endet auch unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit. Wer sich von dieser Schwindel erregenden Vorstellung vollends erfassen laesst, wird entweder Kuenstler oder wahnsinnig. Nietzsche umarmte in Turin einen Droschkengaul und verlor den Verstand.
Ecke Bonk hat sich fuer die Kunst entschieden. Und fuer die permanente Neuerfindung seiner Person. Seinen buergerlichen Vornamen will er nicht veroeffentlicht haben, sondern kuerzt ihn mit Ecke ab. Als Geburtsort gibt er mal Fontainbleau, mal Verona, dann wieder Dublin oder Oslo an. Tatsaechlich kam er am 9. Mai 1953 in Nordboehmen zur Welt, studierte an Kunstakademien in Frankfurt am Main, Wien und Kassel und beschaeftigt sich seither mit der Kraft der Zeichen. In den achtziger Jahren beriet er die Nasa typografisch bei der Beschriftung der Space Shuttles. Sein Design ist denkbar schlicht, denn "es kommt nicht darauf an, den Leuten noch ein Trademark ins Hirn zu brennen, sondern sie zum Nachdenken über die Zeichen zu animieren". In Ecke Bonks Universum der Zeichen findet ein interdisziplinaerer Austausch von Naturwissenschaften, Grafik, Kunst und Philosophie statt. Diese hoechst eigenwillige Mixtur nennt er "Typosophie". Seit einigen Monaten residiert er in Karlsruhe, bereitet zusammen mit dem dortigen Institut fuer Quantenmodellierung seine Ausstellung "Gedankenexperimente" vor, haelt Vorlesungen ueber "Ars Magna = Anagrams" an der Jan van Eyck Akademie im niederlaendischen Maastricht und hat das Logo fuer die 11. Dokumenta in Kassel im Jahre 2002 entworfen. Ganz schlicht, eine Marke aus elf Zeichen: "Dokumenta11" - ohne Zwischenraum.
Brand Eins: Typosophie? Bonk: Das ist eine Wortschoepfung von mir: eine Kombination aus Typografie, also Schriftgestaltung, und Philosophie. Ich war schon frueh fasziniert von Buechern, Buchdruck und Buchstaben. Es gibt im Englischen ein witziges Spiel mit meinem Namen: Wenn man den Buchstaben N in Bonk um nur eine Stelle im Alphabet weiterrueckt, wird Book daraus. Das heisst, meine Obsession fuer Buecher ist schon angelegt.
Brand Eins: Die Art und Weise, wie wir unsere Welt wahrnehmen, ist also eine Interpretation unseres Bewusstseins? Bonk: Nicht ganz. Unser Bewusstsein selbst ist bereits die Interpretation. Von dort kommen wir auf das naechste Niveau, der Meta-Interpretation von Welt in Form von Sprach- und Schriftzeichen. Ich betrachte Sprache, Schrift und allgemeine Zeichensysteme als eine Art Rettungsring, ein ausgekluegeltes Notaggregat, mit dem wir uns am Leben halten. Ohne permanente Wechselwirkung mit der Welt durch Sprachcodes koennten wir unmoeglich ueberleben. Es gaebe uns gar nicht, wir haetten keine Chance gehabt. Deshalb sind Zeichen fuer den Menschen etwas so Grundlegendes, Elementares.
Brand Eins: Unser Bewusstsein ist demnach ein fortwaehrender Austausch mit der Welt? Bonk: Und mit sich selbst. Bewusstsein ist gedachtes Feedback. Die Welt erscheint als ein reflektierter Prozess, und Teile dieses Prozesses koennen wir als Bewusstsein erleben. Aber unser Bewusstsein zeigt uns zunaechst nur die Prozesse, die in einem ersten Schritt herausgefiltert und formatiert wurden. Unser Bewusstsein besitzt darueber hinaus die Faehigkeit zur Meta-Reflexion, zur Betrachtung reflektierter Vorgaenge. Auf dieser Meta-Ebene wird auch unser Umgang mit Sprache und Schrift wichtig. Hier erzeugen wir Virtualitaet in der Virtualitaet. Unser Bewusstsein spiegelt sich doppelt, und in dieser doppelten Spiegelung finden wir jene Wechselwirkung, die es uns erlaubt, in dem, was uns als Wirklichkeit urspruenglich ins Bewusstsein gespiegelt wurde, Orientierung und Halt zu finden.
Brand Eins: Der Philosoph George Berkeley behauptete im 18. Jahrhundert, dass alle Dinge nur in unserem Geist stattfinden. Gibt es ausserhalb unseres Bewusstseins eine unabhaengige Wirklichkeit? Bonk: Es gibt schon etwas, aber es hat sehr wenig mit dem zu tun, was wir davon wahrnehmen, geschweige denn wie unser Gehirn damit umgeht. Es ist zwar erstaunlich, wie nahe wir offenbar an dem dran sein koennen, was es da draussen gibt. Aber die bewusstseinsmaessige Verarbeitung dessen ist veredelter Datenmuell. Mit den Ausdehnungen unserer Weltwahrnehmung tanzen wir auf einer ganz spitzen Nadel.
Brand Eins: Wir Menschen blicken von da oben auf das Chaos? Bonk: Genau. Und zugleich spueren wir den ungeheuren Abgrund. Denn wir wissen, auf der Nadelspitze, auf der wir stehen, steht sonst niemand. Das zu ausserordentlichen Differenzierungen faehige menschliche Bewusstsein ist etwas Einzigartiges; damit stehen wir ganz allein da. Mit keinem anderen Lebewesen teilen wir diesen Geist, dieses babylonische Sprachvermoegen, die Bezeichnung und die Entzifferung der Welt.
Brand Eins: Dabei ist unsere Faehigkeit, die Welt als Sprache, als Zeichen zu erfassen, unsere einzige Moeglichkeit der Wahrnehmung? Bonk: Allerdings. Jede reflektorische Arbeit bringt uns in die Region sprachlicher Strukturen. Was immer wir tun, wir koennen der Sprachlichkeit unseres Denkens nicht entgehen. Das hat uns durch die gesamte Evolution begleitet. Das Wort, das Zeichen, war erst nur akustisch vorhanden; unsere fruehen Vorfahren versicherten sich durch Laute ihrer Existenz. Dann begannen sie, die Laute zu codieren. Es wird Hilfeschreie gegeben haben und aufmerksamkeitserregende Laute, die dann Prozesse der Signalnormierung durchliefen. Es wurden Vereinbarungen getroffen, etwa ueber Frequenzbereich, Lautstaerke und Klangfarbe. Schliesslich ereignete sich dieser fuer mich so wesentliche, geradezu Gaensehaut verursachende Moment, als der archaische Mensch erstmals ein Zeichen notierte: einen Strich auf einen Knochen oder Stein. Dieser Moment veraenderte alles unwiderruflich. Aus dem Laut, dem gesprochenen Zeichen, wurde Schrift. Der fluechtige Aspekt des Schalls wurde in der gravierten Linie gespeichert. Das ist der zentrale Ursprung der derzeit dominierenden kulturellen Entwicklungen auf diesem Planeten.
Brand Eins: Und durch den permanenten Gebrauch laden wir die Zeichen mit Bedeutungen auf? Bonk: Natuerlich. Allein in den 26 Buchstaben unseres Alphabets ist die Energie von unzaehlig vielen Menschen aus mehreren Jahrtausenden gespeichert. Der gesamte Kosmos der Schrift ist seit den Uranfaengen ein hochenergetisches Kulturmodell.
Brand Eins: Haben diese Zeichen mit Erinnerungsmustern in unserem Hirn zu tun? Bonk: Das kommt einer Vorstellung der antiken Griechen sehr nahe, die das Gedaechtnis als ein Siegel in Wachs bezeichnet haben. Die Vorstellung war, dass sich die aeusseren Eindruecke in einer plastischen Materie wie dem Gehirn abdruecken und dieser Abdruck mit Erinnerung ausgefuellt werden kann. Und das wiederum hat direkt etwas mit Typosophie zu tun, denn das Typische, der Typos, kommt von Praegen, im Sinne einer Muenze, aber auch von Einpraegen als einem mentalen Vorgang. Ein Zeichen muss eine Uebereinkunft zwischen den Menschen verkoerpern. Nur dann kann es auch etwas bezeichnen. Wir koennen mit Zeichen bannen oder beschwoeren. (Text: Holger Fuss)









