A Compilation by Claudia Hardi aka F. Sigorski

1066 & All That - the Mallory Neely House is a personal experimental workspace. The mode of associative attention are annotations, footnotes and excerpts out of reading material of the news which is relevant to us, whether it is urgent or remote. A versatile info sphere resulting from the practice of perpetually scanning the horizon for cultural references - be it an internet travelogue, a collection, a storage space.

Thursday, July 24, 2008

MyLifeBits Projekt – Gordon Bell

Unlängst gelesen: Ein Auszug aus dem Artikel "Du sollst nicht vergessen" von Klaus Brinkbäumer, Der Spiegel, 14. April 2008. "Gordon Bell protokolliert und kopiert sein Leben, während er es führt. Jedes Gespräch, seine Gedanken, jedes Dokument, alle Reisen, die Mahlzeiten, Arztbesuche und sämtliche Begegnungen archiviert er; Bell trägt einen kleinen schwarzen Kasten an einem Halsband, "SenseCam" heißt das Ding, es spürt Körperwärme, also Menschen auf, mit denen Bell kommuniziert, und fotografiert diese Menschen alle 30 Sekunden. Bell sagt auch, unsere Welt werde eine andere sein mit dem zweiten, endlich perfekten Gedächtnis - wenn wir unser ganzes Leben abrufen und noch einmal leben können, wenn sich das erste, das menschliche Hirn konzentrieren kann auf das, was wichtig ist, weil das zweite Hirn, die Maschine, den Rest denkt. Wenn das Leben exakt wird, weil es keine falschen Zeugenaussagen mehr gibt und keine Fehlurteile, keine Lüge, keinen Betrug, nur noch Objektivität. Weil das Zeitalter der totalen Erinnerung gekommen sein wird."

"Seit 10 Jahren speichert Bell sein Leben. Die elektronische Version: 2305 Videos, 106 572 Fotos, 20 536 Lieder, 176 733 Web-Seiten, 6542 PDF-Dateien, 3183 gescannte Dokumente, 2473 Powerpoint-Präsentationen, 225 Bücher, 17 717 Word-Dokumente, 136 675 E-Mails und 1866 Excel-Dateien. Zunächst sammelte Gordon Bell nur, mehr tat er noch nicht, aber dann entdeckte er, was zu seiner Vision werden sollte; er muss jetzt nicht lange herumklicken, schon hat er Vannevar Bushs Aufsatz von 1945 wiedergefunden: "Wie wir denken werden". In diesem Text sagte der damalige amerikanische Regierungsbeamte Bush kleine Kameras voraus, die der Mensch von morgen bei sich tragen werde, und Bush erwartete "einen mechanischen Ordner", in dem "ein Individuum all seine Bücher, Schallplatten und Kommunikation lagert, so dass es ihn mit wachsender Schnelligkeit und Flexibilität konsultieren kann": "Memex" nannte Vannevar Bush dieses Ding, "Memex" kürzt "Memory Extender" ab, Erinnerungserweiterer."

"Gordon Bell wurde mit den Jahren süchtig, sein Sohn Brigham nennt es "egozentrisch". Am Anfang hatte er sein Leben ziemlich beiläufig dokumentiert, während er es halt lebte; nach einer Weile lebte er dann so, dass er dieses Leben besser dokumentieren konnte. Die Kopie formt das Original: Weil E-Mails leichter aufzufinden sind als Telefongespräche, telefoniert Bell weniger und schreibt ständig. "Lifelogging" heißt das, wenn Menschen elektronische Protokolle des eigenen Lebens führen, "Lifeblogging" nennt es Bell, wenn diese Protokolle im Internet auftauchen. Bell wurde besser darin, er wurde der Beste mit den Jahren. Sein elektronisches Gehirn hat nun zwei Hälften, eine für die Vergangenheit, eine fürs Gegenwärtige. Ein GPS führt er bei sich, es meldet Bells Computer, wo der Chef sich befindet, wohin er reist. Seine Kamera fotografiert und sendet, man fühlt sich ein wenig beobachtet; er macht 692 Fotos während des Interviews."

"Es ist sowieso ein eher unruhiges Gespräch. Manche Gedanken scheinen Bell schlicht zu langsam zu sein: Er schneidet Sätze an der Stelle ab, wo sich der Gedanke gerade erahnen lässt, Spaceheads heißen exzentrische Geister wie er in Amerika. Und während er so vor sich hin flattert, flackert neben ihm sein zweites Ich und spuckt die gespeicherten Fotos in zufälliger Reihenfolge aus. Wenn dieser Gordon Bell also recht hat, könnte es ganz gut sein, dass wir in wenigen Jahren anders denken werden. Dass wir uns anders erinnern werden. Dass wir eine neue Meinung darüber haben werden, was wichtig ist und was banal, was öffentlich ist und was privat."

"Vor über 20 Jahren wurden Fragmente des Weltwissens auf Disketten abgelegt, lange verschwunden, heute vermutlich unlesbar. Dies ist der Alptraum des Gordon Bell: dass die übernächste Computergeneration, die von 2028, die Sprachen der Generation von 2008 nicht mehr versteht. Die winzigen Rechner werden rattern vor Anstrengung, sie haben die JPegs und Word-6-Dokumente, die Gordon Bell einst in sein unsterbliches Gedächtnis gepackt hat, vor Stunden gefunden. Aber sie können den alten Kram nicht mehr öffnen."

Gordon Bell (Geb. 1934) ist ein amerikanischer Computerpionier und Computeringenieur. Der stets an neuen Projekten bastelnde Bell arbeitet als "Ehrenforscher" am kalifornischen Forschungszentrum von Microsoft. Mit einem Team entwickelt er zurzeit das MyLifeBits Projekt. Die Idee ist es, in der Tradition des Memex von Vannevar Bush, die vielfältigen Interessen und Erinnerungen von Menschen, zu digitalisieren.

Source:
Microsoft MyLifeBits Projekt
"Du sollst nicht vergessen" von Klaus Brinkbäumer, Der Spiegel, 14. April 2008
Gordon Bell von Detlef Borchers, Heise Online, 19. August 2004

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